Erlernte Anorexie beim Hund

Erlernte Anorexie – wenn der Hund nicht fressen will

Der Begriff „erlernte Anorexie“ mag für viele Menschen zunächst etwas befremdlich klingen. Anorexie (altgr. ὄρεξις orexis ‚Verlangen‘ mit Alpha privativum) bedeutet nicht anderes als Appetitlosigkeit. Die gibt es natürlich auch beim Hund – und gar nicht mal so selten.

Zunächst sollte man wissen, dass Hunger und Appetit nicht das Gleiche sind, auch wenn die Begriffe umgangssprachlich häufig synonym verwendet werden. Wir alle kennen das unangenehme Gefühl im Magen, wenn wir Hunger bekommen. Irgendwann können wir uns nicht mehr richtig konzentrieren können und wollen einfach nur noch irgendwas Essbares zwischen die Zähne bekommen. Egal was, Hauptsache jetzt! Das alles entsteht einerseits durch das zunehmende Zusammenziehen des Magens, was dann auch das Magenknurren verursacht, andererseits durch das Absinken des Blutzuckerspiegels und veränderte Stoffwechselprozesse durch einen Mangel an bestimmten Nährstoffen. Hunger ist also ein physiologisches Gefühl.

Appetit kommt vom lateinischen appetitus cibi „Verlangen nach Speise“ bzw. von appetere: begehren, verlangen und beschreibt damit das lustvolle Verlangen, etwas Bestimmtes zu essen. Der Appetit ist also ein psychologisches, genauer gesagt ein kognitiv-motivationales Phänomen, das stark beeinflusst wird durch sensorische Faktoren wie wie Aussehen, Geruch, Geschmack, Temperatur und Konsistenz der Speisen. Der Appetit macht es möglich, dass wir weiter essen können, auch wenn wir keinen Hunger mehr haben. Da das genauso auf unsere Tiere zutrifft, kann Übergwicht entstehen.

Die Ursache der Anorexie muss immer abgeklärt werden

Hunde, die sich einfach mal nicht ganz wohl fühlen oder krank sind zeigen häufig Appetitlosigkeit, die sich recht schnell von selbst wieder gibt oder die nachlässt, wenn die zu Grunde liegende Erkrankung behandelt wird. Auch Stress durch Schmerz, Umzug, Aufenthalt in einer Tierpension o.ä. kann dazu führen, dass der Appetit kurzzeitig nachlässt. Auch so manch einem Rüden auf Freiersfüßen hat der Duft der läufigen Hündin von nebenan schon den Appetit verdorben. Steht ein Hund unter Stress, kann es zu einer erhöhten Sekretion und verstärkten Bewegungen im Magen-Darm-Bereich kommen. Die Folgen sind Erbrechen von Magensaft und/oder Durchfälle sowie verminderter Appetit oder Appetitlosigkeit. Bei einigen Hunden kann man beobachten, dass sie vor dem Erbrechen vermehrt Gras fressen. Eine fast identische Symptomatik, die ebenfalls durch Stress ausgelöst werden kann, findet man übrigens auch beim genauen Gegenteil, nämlich bei verminderter Sekretion und Motilität im Magen-Darm-Bereich.

Ebenso ist es möglich, dass der Wechsel des Fleischlieferanten oder eine Änderung in der Zusammensetzung des Fertigfutters dazu führt, dass ein Hund sein Futter nicht mehr anrührt.

Um zu klären, warum Ihr Hund nicht fressen will, muss zunächst überprüft werden, ob Ihr Hund krank ist oder eine der anderen oben genannten Möglichkeiten in Betracht kommt. Hierfür sollte neben einer körperlichen Untersuchung beim Tierarzt auch die aktuelle Lebens- und Ernährungssituation beleuchtet werden. Selbst eine eine einfache, leichte Erkältung mit eingeschränkter Riechfunktion oder eine Halsentzündung mit verändertem Geschmackssinn kann zur Futterverweigerung führen.

Bei einer tatsächlichen Inappetenz fressen die Tiere kaum bis gar nicht, verlieren an Gewicht, der Ernährungszustand ist nicht gut, durch den nicht gedeckten Bedarf an Energie und Nährstoffen werden die Tiere schlapp, bekommen häufig unschönes Fell und wirken einfach „ungesund“. Langfristig führt diese Mangelernährung natürlich auch zu Organschäden. Fatal ist eine Inappetenz vor allem bei Hunden, die krankheitsbedingt einen erhöhten Nährstoffbedarf haben. Hinzu kommt, dass nach 3 Tagen ohne Nahrungsaufnahme das natürliche Hungergefühl nachlässt und dann erst recht nicht gefressen wird. Da hilft dann auch der vielgehörte Satz „Der Hunger treibt’s schon rein“ nicht mehr weiter, denn der Hunger ist weg.

Weiterhin muss geklärt werden, ob der Hund einfach nur weniger frisst, weil der Bedarf zu hoch eingeschätzt wird. Bei Fertigfutter sind die Mengenempfehlungen auf der Packung oft zu hoch angesetzt; bei BARF kann das z.B. passieren, wenn die Berechnung der Futtermenge zu hoch angesetzt wurde oder wenn zwischendurch eine vom Halter unterschätzte Menge an Leckerchen gefüttert werden, die den Hund pappsatt machen. Der Halter denkt dann, sein Hund frisst schlecht und hat keinen Appetit, in Wirklichkeit bräuchte er einfach nur etwas weniger Futter. In diesen Fällen sind die Hunde normalgewichtig oder sogar übergewichtig; man spricht von einer scheinbaren Inappetenz.

Erfahrungen bestimmen das Fressverhalten

Ob ein Hund schlingt, langsam frisst, mäkelt oder eher in die Kategorie Staubsauger fällt,  wird durch die bisherigen Erfahrungen des jeweiligen Hundes beeinflusst. Ein Hund, der schon bei der Mutter ständig zusehen musste, dass er was abbekommt, wird wahrscheinlich eher ein Schlinger werden, ebenso Hunde, die beim Fressen unter ständigem Konkurrenzdruck stehen. Ein Hund, der in seinem gesamten Wesen unsicher ist und sich auch sonst wenig durchsetzen kann, wird bei Störungen durch Artgenossen oder anderweitige Umgebungsreize eher den Rückzug vom Futternapf antreten.

Fast jeder Hundehalter kennt es…wenn der Hund nicht mehr fressen will, lässt man sich Allerhand einfallen, damit der Napf wieder leer wird. Von gutem Zureden, Handfütterung, so tun, als würde man das Futter selbst essen (und damit Schaffung einer Konkurrenzsituation), Umstellen der Näpfe bis hin zu unzähligen Wechsel des Futters („Irgendwas muss doch dabei sein, was schmeckt.“) wird alles versucht. Der Erfolg bleibt in der Regel aus und Herrchen oder Frauchen gehen auf dem Zahnfleisch. Der Hund allerdings genauso. Beide Seiten stehen unter ständigem Streß. Leider ist Streß aber auch der absolute Appetitkiller, daher wird der Hund trotz – oder besser: wegen – all dieser Bemühungen auch weiterhin nicht fressen; der Halter wird sich immer neue Tricks ausdenken und so geraten Hund und Halter in eine Spirale. Ein zusätzlich erschwerender Aspekt ist die Verknüpfung des Hundes: er verknüpft Nahrungsverweigerung mit Aufmerksamkeit. Frisst er nicht, bekommt er viel Aufmerksamkeit. Die Futterverweigerung wird also noch zusätzlich belohnt.

Ein Hund, der krankheitsbedingt schlecht frisst, würde nach überstandenem Unwohlsein oder Abklingen der Krankheit wahrscheinlich wieder ganz normal fressen; wurde aber in der Zeit, in der er wenig Appetit gezeigt hat, vom Halter versucht, ihn wie oben beschrieben zum Fressen zu animieren, kann daraus schnell eine erlernte Anorexie werden.

Was tun bei Anorexie?

Ein Patentrezept gibt es natürlich nicht und kann es auch nicht geben, da man immer den Einzelfall betrachten muss. Wenn ein Hund schwer krank ist, muss ggf. zwangsernährt werden. Das kann für den Hund lebenswichtig sein und darf nicht auf die lange Bank geschoben werden. Einen Hund, der unter Stress steht und deswegen nicht fressen will, der aber normalgewichtig ist, wird man natürlich nicht zwangsernähren, sondern man sollte versuchen, ihm den Stress zu nehmen. Dazu gehört auch, nicht von Hand zu füttern, nicht ständig die Futterplätze zu wechseln und ihn nicht dauernd zu streicheln, während er vor dem vollen Napf sitzt.

Es gilt also:

  • Gesundheitszustand beim Tierarzt überprüfen lassen, um eine Krankheit oder Schmerzen als Grund für die Futterverweigerung auszuschließen.
  • Falls der Hund Medikamente einnimmt, die den Geschmacks- oder Geruchssinn verändern, mit dem Tierarzt Rücksprache halten, ob es ggf. Alternativen gibt.
  • Haltungsbedingungen und Fütterungsroutine prüfen und ggf. korrigieren.
  • Stressvermeidung während der Fütterung
  • Bedarf und Futtermenge überprüfen oder von einem Ernährungsberater prüfen lassen und nötigenfalls anpassen
  • Mehrere kleine Portionen am Tag anbieten, den Napf nach einiger Zeit entfernen, auch wenn nicht gefressen wurde.
  • Feste Fütterungszeiten (bei einigen Hunden kann das jedoch langfristig zu Magenproblemen führen, da dann zur gewohnten Fütterungszeit eine vermehrte Magensäureproduktion anläuft, egal, ob es Futter gibt oder nicht. Das muss individuell gehandhabt werden.)
  • Hochverdauliches, energiereiches und schmackhaftes Futter anbieten, evtl. den Fettanteil erhöhen
  • Ggf. das Futter leicht erwärmen

 

Bei Problemen mit der Magensäuresekretion muss zunächst heraus gefunden werden, ob Ihr Hund an einer Hypersektertion leidet oder ob der häufigere Fall vorliegt, nämlich eine Hyposekretion. Säurebindende Futterzusätze, wie sie oft in Foren und auf Social Media Plattformen empfohlen werden, wären in diesem Fall kontraproduktiv und würden die Beschwerden u. U. sogar noch verschlimmern. Durch ausgewählte Zusätze und Futterkomponenten lässt sich die Sekretion schonend ankurbeln. Ihr Ernährungsberater oder Tierheilpraktiker kann Sie hierzu individuell beraten.